12. Herbsttreffen 2018: Weg(e) mit dem Stottern

Weg(e) mit dem Stottern: Therapie und Selbsthilfe für Kinder und Erwachsene

Text: Anne Adelt, Fotos: Sarah Kröger und Ragna Krug

Bei nebligem Herbstwetter kamen am 24. November 2018 knapp 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Campus Am Neuen Palais nach Potsdam, wo sich beim 12. Herbsttreffen Patholinguistik alles rund um das Thema Stottern drehte.

Herbstliche Stimmung am Morgen des 12. Herbsttreffens

Workshops

Den Auftakt des Tages bildeten die alljährlich angebotenen Kurzworkshops, die sich wieder sehr großer Beliebtheit erfreuten und komplett ausgebucht waren. Die praxisrelevanten Themen reichten von Neue Medien in der Sprachtherapie: der Einsatz von Tablets und Apps von Alexander Fillbrandt über Selektiver Mutismus: Schritt für Schritt Mutmuskeln aufbauen von Sabine Laerum und MFT für die Praxis: Das funktionale Mundprogramm (FMP) von Petra Schuster zu Achtsamkeit und Selbstmitgefühl: Ressourcen für Menschen in helfenden Berufen von Lothar Schwalm.

Die anschließende Kaffeepause bot den TeilnehmerInnen des diesjährigen Herbsttreffens die Gelegenheit, sich am Büffet zu stärken, die Posterpräsentationen anzuschauen und die Stände der Aussteller zu besuchen. Gleichzeitig konnten in den Pausen persönliche und fachliche Kontakte gepflegt oder neu geknüpft werden.

Im Hörsaal

Kasseler und Bonner Stottertherapie

Nach einer kurzen Einführung in den organisatorischen Ablauf und das Schwerpunktthema des Tages durch die Moderatorinnen Özlem Yetim und Sarah Breitenstein machte Kristina Anders von der Kasseler Stottertherapie den Anfang bei den Hauptvorträgen. Die Kasseler Stottertherapie (KST) gehört zu den Fluency shaping-Ansätzen in der Stottertherapie. Unter dem Titel Präsenztherapie und Onlinetherapie für Jugendliche und Erwachsene berichtete sie über den Ablauf des relativ neuen Therapieangebots bei der KST in Form einer Onlinetherapie. Sehr eindrücklich konnte sie aufzeigen, dass sich die Präsenz- und die Onlinetherapie nicht in den Veränderungen in der Stotterrate und der Lebensqualität nach einem Therapieintervall unterscheidet. Sodann konnte sie die Faktoren darstellen, die bei der Wahl für das eine oder das andere Therapieformat eine Rolle spielen.

Im zweiten Hauptvortrag referierte Kirsten Richardt von der Bonner Stottertherapie über die Umsetzung und Evaluation eines Kombinationsansatzes, der die Elemente des Fluency shapings und des Modifikationsansatzes miteinander verbindet. Anhand der eigens entwickelten, online-basierten Bonner Langzeit-Evaluationsskala zur Lebenssituation Stotternder (BLESS) stellte die Referentin die Ableitung von Therapiezielen und die Wirksamkeit des Therapiekonzepts dar. Zudem konnte sie mithilfe von Videobeispielen die sehr deutlichen Verbesserungen in der Sprechflüssigkeit auch bei psychogenem Stottern zeigen. Dabei betonte sie sehr klar den Vorteil eines Kombinationsansatzes in der individuellen Planung einer Stottertherapie, der vor allem in der großen Auswahl an unterschiedlichen Herangehensweisen und Methoden besteht.

Nach einem kurzen Spaziergang zur Mensa konnten sich die TeilnehmerInnen bei einem warmen Mittagessen stärken und sich mit anderen austauschen. Zudem war noch Zeit für den Besuch der Posterpräsentationen und Stände der Fachaussteller.

Kristina Anders beim Vortrag Kirsten Richardt beim Vortrag

Selbsthilfe

Entgegen der Tradition des Herbsttreffens schlossen sich nach der Mittagspause keine Vorträge aus der patholinguistischen Forschung und Praxis an, sondern das Thema der Selbsthilfe in der Stottertherapie wurde beleuchtet. Martina El Meskioui eröffnete die Reihe von Kurzvorträgen mit ihrem Vortrag zu Stottern in Schule und Beruf. Dazu stellte sie verschiedene Angebote und Projekte der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V. vor. Über Rückfallvorsorge, Lebensqualität und Sprech(un)flüssigkeit berichtete Tobias Haase, der selbst seit seiner Kindheit stottert. Er betonte die Bedeutung der Stotterer-Selbsthilfe als posttherapeutische Maßnahme, die leider aktuell noch viel zu selten von Betroffenen genutzt wird. Dabei unterstrich er die Möglichkeit der Selbsthilfe, Betroffene auch in schwierigen Zeiten aufzufangen und Perspektiven für den Lebensweg aufzuzeigen.

Martina El Meskioui beim Vortrag Tobias Haase beim Vortrag

Den Abschluss der Vortragsreihe bildete die Kurzvorstellung der Postereinreichungen. Sarah Breitenstein fasste in wenigen Minuten die Kernaussagen und Fragestellungen der Poster zusammen und machte so richtig Lust in der nachfolgenden Pause die Posterausstellung zu besuchen und mit den AutorInnen bei Kaffee und kleinen Snacks ins Gespräch zu kommen.

In der Pause

Modifikationsansatz und Frühtherapie

Im zweiten Teil der Hauptvorträge berichtete Andreas Starke vom Modifikationsansatz in Zeiten der Evidenzbasierung. Zunächst zeigte er, dass wir im Allgemeinen zu wenig über das Stottern wissen, sodass es aktuell keine überzeugenden Modelle der Sprechflüssigkeit gibt. Anschließend erläuterte er den Ablauf der vier Therapiephasen (Identifikation, Desensibilisierung, Modifikation, Stabilisierung) im Rahmen der von ihm entwickelten intensiven Intervalltherapie (VIERMALFÜNF). Des Weiteren wies er darauf hin, dass es der Einzelfallforschung bedarf, um die Wirksamkeit von Stottertherapie nachweisen zu können.

Der letzte Vortrag des diesjährigen Herbsttreffens von Dr. Bernd Hansen (Europa-Universität Flensburg) beschäftigte sich mit der Frühtherapie für stotternde Kindern ab 2½ Jahren am Beispiel des Palin PCI-Konzepts. In diesem Therapieansatz werden Eltern als Experten für die Erziehung ihrer Kinder betrachtet und als bedeutender Veränderungsfaktor intensiv in die Therapie eingebunden. Wenn sich im Diagnoseprozess die Hinweise auf eine Stottersymptomatik des Kindes manifestieren, liegt der Fokus der nachfolgenden Therapie auf der Eltern-Kind-Interaktion. Mithilfe von Videoanalysen sollen Veränderungen im kommunikativen Stil erreicht werden, die dem Kind mehr Sprechflüssigkeit ermöglichen.

Andreas Starke beim Vortrag Dr. Bernd Hansen beim Vortrag

Posterpreis

Zum Abschluss des Herbsttreffens wurde auch in diesem Jahr wieder ein mit 200 Euro dotierter Posterpreis vergeben. Die Qualität der zehn Einreichungen war sehr hoch und die Ergebnisse knapp. Dennoch waren die drei unabhängigen Jurymitglieder in der Lage, anhand eines festgelegten Bewertungsschemas im Vorfeld drei GewinnerInnen zu küren.
Den dritten Platz belegte das Poster »Unterstützte Produktion und Rezeption prosodischer Cues bei Aphasie« von Carola de Beer, Clara Huttenlauch, Isabell Wartenburger und Sandra Hanne (Universität Potsdam). Den zweiten Platz erreichte die Arbeit »Behandlung von Wortabrufstörungen bei Probanden mit Alzheimer Demenz: Semantische Komplexität und Wortflüssigkeit« von Anita Bethge, Sandra Hanne und Nicole Stadie (Universität Potsdam). Die GewinnerInnen waren Lea Wiehe, Katharina Weiland, Anke Wirsam und Michael Wahl (Humboldt-Universität zu Berlin und Europäische Fachhochschule Brühl) mit dem Poster »Lautes vs. leises Lesen: Der Einfluss des Lesemodus auf kindliche Blickbewegungen beim Lesen«.

Die Gewinnerinnen des Posterpreises, Platz 1 bis 3 von links nach rechts

Fazit

Das Herbsttreffen zeigte wieder einmal, dass es einen festen Platz im Tagungskalender der Region Berlin-Brandenburg hat. Mit seinem vielfältigen Programm stellt es eine Bereicherung für alle sprachtherapeutisch Tätigen dar. Wir danken daher der AG Herbsttreffen für die zuverlässige und engagierte Vorbereitung und Durchführung und freuen uns schon auf das 13. Herbsttreffen, welches voraussichtlich am 16.11.2019 stattfinden wird.

Wir möchten an dieser Stelle auch noch einmal den Organisationen und Unternehmen danken, die das 12. Herbsttreffen unterstützt haben: der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe – LV Ost e.V., der Bonner Stottertherapie, Cochlear, REHAVISTA, T-Rappy, memole – Medizin mobil lernen!, Trialogo, Therapeutenonline sowie dem Schulz-Kirchner-Verlag.

Das Herbsttreffen-Organisationsteam