11. Herbsttreffen 2017: Gut gestimmt

Gut gestimmt – Diagnostik und Therapie bei Dysphonie

Text: Özlem Yetim, Fotos: Ragna Krug

Viel Neues und Ungewohntes, aber stimmig!

Dieses Jahr fand das Herbsttreffen bereits zum 11. Mal statt – jedoch das erste Mal am Neuen Palais und nicht wie gewohnt am Campus Griebnitzsee. Daher waren einige Abläufe auch für das Organisationsteam ungewohnt: neue Wege mussten ausgeschildert, Stände und Poster anders angeordnet und der Ablauf hinter den Kulissen umstrukturiert werden. Die befürchteten organisatorischen Schwierigkeiten blieben jedoch aus und sowohl das Catering als auch die Räumlichkeiten wurde von fast allen als sehr gelungen empfunden (auch wenn die Temperatur im Audimax ruhig hätte ein paar Grad wärmer sein können).
Im von langer Hand geplanten Programm gab es einige kurzfristige Änderungen: Aufgrund einer Erkrankung von Prof. Dr. Beushausen musste 48 Stunden vor Tagungsbeginn ein neuer Hauptvortrag organisiert werden. Zur Erleichterung aller aus der AG Herbsttreffen erklärte sich Prof. Dr. Voigt-Zimmermann so kurzfristig bereit, den Hauptvortrag zum Thema Kindliche Dysphonien mit zu übernehmen – auch ein Novum beim Herbsttreffen, dass eine Referentin zwei Hauptvorträge auf ein und demselben Herbsttreffen hält. Nach ein paar zeitlichen Umorganisationen stand dann reichlich knapp am Freitagmittag das neue Programm fest.

Die ersten Gäste treffen am neuen Tagungsort ein

Workshops

Am Samstag startete der Tag dann für viele TeilnehmerInnen mit einem der vier angebotenen Kurzworkshops. Die FrühaufsteherInnen wurden nicht nur durch eine herbstliche Morgensonne belohnt, sondern erhielten je nach gebuchtem Workshop neue Informationen zu den Themen Verhaltensbasierte Ansätze in der Dysarthrietherapie bei Morbus Parkinson (Bernd Frittrang), Schritt für Schritt, Wort für Wort – Handlungsorientierte Sprachanbahnung bei Kindern mit Autismus (Kristin Snippe), Sprechen zum Anschauen – Grundlagen des Analyseprogramms PRAAT (Carolin Martynus) oder Sensorische Integration in der Kindertherapie (Denise Klein). Danach war Gelegenheit sich am Büffet bei Häppchen und Getränken zu stärken sowie die Posterpräsentationen und die Aussteller in Augenschein zu nehmen.

In den Workshops

Vorträge zum Thema »Stimme« I

Den Anfang der Vorträge zum Schwerpunktthema Stimme machte Prof. Dr. Susanne Voigt-Zimmermann (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) mit ihrer Einführung in »Stimmstörungen – Störungsbilder und interdisziplinäre Diagnostik«. Frau Voigt-Zimmermann wählte einen interessanten Einstieg in das Thema: Alle TeilnehmerInnen sangen zusammen passend zur Jahreszeit »Bunt sind schon die Wälder« (und viele behielten das Lied als Ohrwurm für den Rest des Tages). Nach diesem ungewöhnlichen Auftakt erläuterte Frau Voigt-Zimmermann in einem sehr packend gestalteten Vortrag die Merkmale gesunder und kranker Stimmen, wann eine Stimme behandlungsbedürftig ist und machte auch deutlich, dass von TherapeutInnen als unphysiologisch wahrgenommene Merkmale der Stimme wie z.B. Heiserkeit durchaus auch eine Funktion haben können (z.B. bei SängerInnen) und man aufpassen müsse »wem man das wegnimmt«. Der durch viele Hörbeispiele angereicherte Beitrag gab einen sehr guten Überblick über die – auch anatomischen und physiologischen – Unterschiede weiblicher und männlicher, junger und alter sowie gesunder, belasteter und kranker Stimmen.
Nach einer kurzen Pause zum Beine vertreten und zumindest den Schal aus der Garderobe holen, da die Heizkörper etwas länger zum Aufwärmen des großen Raumes brauchten, erfuhren die TeilnehmerInnen dann Details zu kindlichen Dysphonien erneut von Prof. Dr. Voigt-Zimmermann. Vor allem die physiologischen Unterschiede, die eine Kinderstimme im Vergleich zu einer erwachsenen Stimme haben, und der familiendynamische Ansatz nach Jürg Kollbrunner in der Therapie standen im Fokus. Sie betonte aber auch, wie wichtig eine bildgebende bzw. endoskopische Befundung vor der Therapie ist.

Prof. Dr. Voigt-Zimmermann bringt das Publikum in Stimmung

Kurzvorträge im »Spektrum Patholinguistik«

Nach der Mittagspause (erstaunte Aussagen wie »Das war heute richtig lecker« und »Das waren aber große Portionen« wurden häufiger vernommen) ging es dann weiter mit den Kurzvroträgen des Spektrum Patholinguistik.
Im ersten Spektrumsbeitrag berichtete Maria Blickensdorff (Universität Potsdam) von den Prinzipien motorischen Lernens in der Sprechapraxietherapie. Vor allem die häufigen Wiederholungen von Items (Richtwert 50 Wiederholungen) und die darin begründete geringe Itemanzahl, die bearbeitet werden, machten den Unterschied zu anderen therapeutischen Methoden deutlich.
Im zweiten Spektrumsvortrag stellte Rebecca Schumacher (Universität Potsdam) Ergebnisse aus ihrem Promotionsprojekt unter dem Titel »Störungsortspezifische Diagnose von erworbenen Dyslexien« vor. Nachdem sie zunächst eine Erweiterung des Zwei-Routen-Modells zum Lesen vorstellte, führte sie uns in die von ihr entwickelte Diagnostik ein.
Zum Abschluss des Spektrums referierte Theresa Förster (Potsdam) über Sprachförderung in Tagespflegegruppen. Sie zeigte anhand von Videobeispielen, wie eine in den Alltag integrierte Sprachförderung aussehen kann und stellte verschiedene Konzepte vor. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass die Kassen diese Leistungen derzeit nicht vergüten und somit die Eltern selbst für diese Förderung aufkommen müssen bzw. viel ehrenamtliches Engagement seitens der Therapeutin nötig ist.

Die Referentinnen des »Spektrum Patholinguistik«

Nach dem Spektrum war dann für alle Teilnehmer Zeit, sich den Posterpräsentationen zu widmen oder an den Ständen von Rehavista, Novafon, Wortkowski oder des vpl über neueste Produkte und Therapiematerialien und Publikationen zu informieren. Es wurden ebenfalls süße und herzhafte Snacks sowie Heiß- und Kaltgetränke angeboten, um sich für den letzten Vortragsblock stärken zu können.

In der Pause

Vorträge zum Thema »Stimme« II

Der letzte Vortragsblock wurde von Prof. Dr. Karl-Heinz Stier (SRH Hochschule für Gesundheit Gera, Campus Stuttgart/Logopädie) eröffnet mit einem Vortrag zur Akzentmethode und ihren Evidenzen. Wie er gleich zu Beginn verdeutlichte, zählt die Akzentmethode zu den am besten belegten Therapiemethoden in der Stimmtherapie. Auch dieser Vortrag war durch Mitmach-Momente (die Grundübung der Akzentmethode, aber auch Dehnübungen) aufgelockert und gab einen guten Einblick in die Akzentmethode.
Den Abschluss des Vortragsprogramms bildete Thomas Lascheit (Logopäde, Bachelor of Health, Berlin), der die LaKru-Stimmtransition bei Trans* vorstellte und der Frage nachging, warum eine erfolgreiche Stimmfeminisierung mit den Methoden der konservativen Stimmtherapie nur begrenzt möglich ist. Herr Lascheit legte anschaulich die Unterschiede zwischen einer weiblichen und männlichen Stimme dar und zeigte dann Übungen, die in dem LaKru-Stimmtransitionsprogramm angewendet werden. Sowohl die Beispiele erfolgreicher Stimmtransitionen als auch die Live-Demonstration von Herrn Lascheit, der seine Stimme innerhalb eines Satzes von männlich nach weiblich shiftete, riefen bei den Zuhörern Staunen hervor. Am Ende des Vortrages konnte man auch an den vielen interessierten Fragen sehen, dass es eine gelungene Einführung ins Thema war.

Die ReferentInnen der Hauptvorträge

Posterpreis

Im Anschluss an das Vortragsprogamm präsentierte Dr. Sandra Hanne als Jurymitglied die drei Gewinnerinnen des diesjährigen mit 200 Euro dotierten Posterpreises. Den dritten Platz belegte das Poster »Unterstützte Kommunikation in der Sprachtherapie – Interdisziplinär bewirken wir mehr« von Christine Sietmann und Michael Wahl (Humboldt-Universität zu Berlin). Den zweiten Platz erreichte die »Pilotfragebogenstudie zur praktischen Umsetzung und Koordination des Trachealkanülen-Managements in Berlin und Brandenburg« von Lisa-Marie Welke und Ulrike Frank (Universität Potsdam). Die Gewinnerinnen waren Ragna Krug, Hanna Stübner, Sophie Hoffmann, Judith Heide und Maria Blickensdorff (Universität Potsdam) mit ihrem Poster zu einer Einzelfallstudie einer »Behandlung dysprosodischer Symptome bei Sprechapraxie«.

Die Gewinnerinnen des Posterpreises

Fazit

Alles in allem war das diesjährige Herbsttreffen eine sehr gelungene Tagung, die neue Erkenntnisse gebracht, Interesse am Thema Stimme geweckt und auch einfach Spaß gemacht hat.

Das Herbsttreffen-Organisationsteam