19. Herbsttreffen Patholinguistik 2025
Narrative Brücken: Therapie der Erzählfähigkeit bei Kindern und Erwachsenen

Das diesjährige Herbsttreffen Patholinguistik fand bei allerbestem Novemberwetter statt – zumindest bei den Veranstalter:innen an der Uni Potsdam regnete es den ganzen Tag in Strömen. Umso schöner, wenn man wie in diesem Fall online am Tagungsprogramm teilnehmen kann! Über 275 Personen waren angemeldet und nutzten das Herbsttreffen als Plattform für den wissenschaftlichen und praxisorientierten Austausch. Unter dem thematischen Schwerpunkt „Narrative Brücken: Therapie der Erzählfähigkeit bei Kindern und Erwachsenen“ wurden neueste Erkenntnisse, diagnostische Ansätze und therapeutische Verfahren diskutiert. Themenoffene Posterpräsentationen und sechs Praxis-Workshops rundeten das Programm ab.

Vorträge zum Schwerpunktthema
Die Vorträge zum Schwerpunktthema waren entlang der Lebensspanne sortiert und beleuchteten die Erzählfähigkeit und ihre Behandlung bei Babys, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit neurologischen Störungen.
Den Auftakt bildete der Vortrag von Margita Händel-Rüdinger zum Thema „Erste Sprache – Erstes Erzählen“. Sie unterschied zwischen Erzählen im engeren Sinne – also einer sprachlich klar strukturierten, zusammenhängenden Geschichte – und Erzählen im weiteren Sinne, etwa in Form von Gefühlsgeschichten. Im Mittelpunkt stand die Bedeutung einer narrativ-kohärenten Struktur, die durch das Auflösen eines Spannungsmoments und ein „Happy End“ gekennzeichnet ist. Gelingt diese Auflösung nicht, bleibt die Spannung bestehen, was den Erwerb vollständiger Erzählstrukturen beeinträchtigen und mit Verhaltens- sowie Beziehungsauffälligkeiten bei Kindern einher gehen kann. Margita Händel-Rüdinger stellte hierzu ihre Regulationsbasierte Sprachtherapie vor, in der Kinder lernen, ihre eigenen Gefühlsgeschichten auszudrücken, um damit Schritt für Schritt eine kohärente Erzählstruktur zu entwickeln.
Prof. Dr. Natalia Gagarina stellte die Relevanz narrativer Verfahren in der Diagnostik mehrsprachiger Kinder heraus. Da der mehrsprachige Spracherwerb noch immer weniger erforscht ist als der monolinguale, würden Entwicklungsstörungen häufig mit monolingual normierten Testverfahren erfasst – ein Vorgehen, das das Risiko von Fehldiagnosen deutlich erhöht. Mit Verfahren wie dem Multilingual Assessment Instrument for Narratives (MAIN) und dem TEBIK 4-8 stehen jedoch validierte, mehrsprachigkeitssensible Testbatterien zur Verfügung, die narrative Leistungen zuverlässig erfassen können.
Dr. Isabel Neitzel zeigte in ihrem Vortrag, dass Erzählfähigkeit das enge Zusammenspiel von Makrostruktur (auch „Story-Grammar“ mit Erzählelementen wie Ziel, Handlung und Ergebnis) und Mikrostruktur (Syntax, Kohärenz und Wortschatz) erfordert. Beide Bereiche sind eng mit kognitiven Fähigkeiten wie der Perspektivübernahme verknüpft. Isabel Neitzel präsentierte die aktuelle Evidenzlage zu narrativen Förderansätzen, machte jedoch auch deutlich, dass viele Studien methodische Grenzen aufweisen und dass im deutschsprachigen Raum ein großer Bedarf an qualitativ hochwertigen Wirksamkeitsstudien besteht. Das Dortmunder Projekt DoSETÜ wurde in diesem Zusammenhang als vielversprechender Ansatz vorgestellt.
An diese Inhalte knüpfte Dr. Marion Grande an, die sich mit der Förderung narrativer Fähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen befasste. Sie verdeutlichte, dass narrative Kompetenz auf mehreren Ebenen entsteht – der linguistischen Ebene, der propositionalen Ebene, der Kohäsion und Kohärenz und der makrostrukturellen Story-Grammar. Eine präzise diagnostische Einordnung dieser Ebenen sei Voraussetzung für eine zielgerichtete Therapieplanung. Trotz begrenzter deutschsprachiger Evidenz zeigten narrative Förderprogramme gute Wirksamkeit. Darüber hinaus stellte Marion Grande zehn grundlegende Therapieprinzipien vor, darunter die Priorisierung der Makrostruktur, die Visualisierung abstrakter Erzählelemente, adaptive Hilfestellungen, individuell gestaltbare Schwierigkeitsgrade und vielfältige Erzählanlässe. Abschließend zeigte sie konkrete rezeptive und expressive Übungsmöglichkeiten, mit denen narrative Kompetenzen auf Mikro- und Makroebene gefördert werden können.
Im Nachmittagsblock beleuchtete Dr. Jana Quinting Störungsprofile bei kognitiven Kommunikationsstörungen (CCDs). Anhand anschaulicher Fallbeispiele machte sie deutlich, wie weitreichend CCDs den Alltag der Betroffenen beeinflussen können. Für eine differenzierte Diagnostik seien spezifische Verfahren notwendig, die alltagsrelevante kommunikative Einschränkungen zuverlässig abbilden. Hierzu zählen z. B. die ins Deutsche übersetzte Checkliste Kognitive Kommunikationsstörungen nach Erworbener Hirnschädigung (CCCABI-DE), der La Trobe Communication Questionnaire (LCQ), MAKRO, FAVRES-DE (Functional Assessment of Verbal Reasoning and Executive Strategies). Diese ermöglichen eine differenzierte Bewertung kognitiver und kommunikativer Fähigkeiten. Im Projekt DigiDi wird derzeit eine Digitalisierte Diagnostik alltags- und berufsrelevanter Kommunikation nach Hirnschädigung entwickelt.
Eva Lauinger berichtete aus der aphasietherapeutischen Praxis und betonte, dass viele Partizipationsziele eine erfolgreiche Textproduktion erfordern. Dementsprechend sollte auch die Diagnostik und Therapie von Störungen der mündlichen Textproduktion bei Personen mit Aphasie vor dem Hintergrund der Alltagsrelevanz erfolgen. Eva Lauinger erläuterte dazu, dass sich die Makrostruktur je nach Kommunikationskontext unterschiedlich entfaltet und z.B. beschreibend, erzählend, erklärend oder begründend sein kann. Welche Textsorte relevant ist, sollte gemeinsam mit dem/der Patient:in ermittelt werden. In drei Phasen (Vermittlung der Textstruktur, Therapie auf Satzebene, Textproduktion) werden die Texte sowohl auf der Makro- als auch auf der Mikrostruktur erarbeitet. Methoden der Visualisierung (z.B. Mindmaps) spielen dabei eine wichtige Rolle.
Abschließend präsentierte Lynn Reimen die Ergebnisse ihrer Bachelorarbeit zur Therapie der Textverarbeitung bei primär progredienter Aphasie (PPA). In einer Einzelfallstudie mit einer Patientin mit der semantischen Variante der PPA wurde ein 15-stufiges therapeutisches Vorgehen angewandt, das sich in die Bereiche Stimulation, Textverarbeitung und Hausaufgaben gliederte. Die Evaluation zeigte sowohl Übungs- als auch Transfereffekte auf den biografischen Diskurs, was die Effektivität sprachtherapeutischer Interventionen trotz des progredienten Verlaufs der Erkrankung unterstreicht. Lynn Reimen hob hervor, dass ein konsequenter Transfer in den Alltag sowie kontinuierliches Üben entscheidend für den Therapieerfolg seien und dass weiterer Forschungsbedarf in diesem Bereich besteht.
Posterpräsentationen und Praxis-Workshops
Traditionell finden beim Herbsttreffen nicht nur Vorträge statt, sondern auch Posterpräsentationen und Praxis-Workshops. In kleineren Runden bot sich so die Gelegenheit, spezifische Fragestellungen und Themen zu vertiefen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Praxis-Workshops fanden zu den folgenden Themen statt:
- Bimodal bilinguale Sprachtherapie für Kinder mit einer Hörbehinderung (Elisabeth Weiglin)
- Narrative Fähigkeiten bei Kindern im Autismus-Spektrum (Lisa Klaar)
- FASD in der Sprachtherapie (Ina Lippold)
- Gesundheitscoaching in der Sprachtherapie (Laura Grampp)
- Künstliche Intelligenz (KI) in der Sprachtherapie (Dr. Karin Reber)
- Sprachtherapie meets Pharmakologie (Simon Werker)
Der mit insgesamt 200 € dotierte Posterpreis wurde von einer Jury an die folgenden Poster vergeben. Herzlichen Glückwunsch!
- Platz:
Lukas Wichert & Judith Heide (Universität Potsdam & Sprachtherapeutische Praxis »auf ein Wort mit Elisa und Kalle«):
Was wissen Personen mit Aphasie über Depression nach Schlaganfall? Ergebnisse von vier qualitativ-leitfadengestützten Interviews - Platz
Anne Jasmin Heinzmann, Christina Kauschke & Ulrike Domahs (Philipps-Universität Marburg):
Wahrnehmung von Reduktionssilben bei Kindern mit und ohne Aussprachestörung - Platz
Charlotta Hesse, Neitah Eckerlin, Michael Wahl & Katharina Weiland (Humboldt-Universität zu Berlin):
Entwicklung von Blickbewegungen und Leseleistungen im Grundschulalter
Save the date! Herbsttreffen 2026 in Präsenz in Potsdam
Im nächsten Jahr feiert das Herbsttreffen Patholinguistik sein 20. Jubiläum. Aus diesem Anlass wird es in Präsenz stattfinden und zwar am 9./10. Oktober 2026 am Campus Griebnitzsee der Universität Potsdam. Wir freuen uns, wenn Sie sich den Termin freihalten und mit uns feiern! Das Programm wird im Frühjahr bekanntgegeben.


